Freitag, 25. Februar 2011

Neues aus Tarabuco

Mehr als fuenf Monate bin ich jetzt schon in Bolivien, unglaublich, es wird einem nicht langweilig, man hat schon so viel gesehen, und doch noch so viel vor! Was hat sich in den letzten Tagen und Wochen in Tarabuco und Umgebung alles getan?
Im Moment wohne ich zusammen mit Thea, Julia, Benny und seiner Freundin Natalie, die zur zeit auf Besuch ist, zusammen hier im Hostelling von Tarabuco und bringen ein
bisschen Leben in die Bude.
Unser grosses, helles Zimmer. Hier kann man gut leben!


Krankenhaus:
Also, meinen Doktortitel hab ich zwar noch nicht (werd ihn wahrscheinlich auch nicht durch Plagiat erschummeln, hmhm) lerne aber jeden Tag etwas neues dazu, im ¨Hospital Ricardo Bacherer¨, fuenf Minuten vom Hostel entfernt. Morgens um 9 geht es mit dem ganzen Aerzteclan auf Visite: Meningitis, Sinusitis, Gastritis. Anfangs war es doch sehr schwer, den runtergerasselten Patienteninformationen mit den ganzen Fachbegriffen zuzuhoeren, und dann auch noch auf Spanisch, aber inzwischen geht es, dank Woerterbuch und Hilfe von Benny, der schon was laenger hier in Tarabuco ist und sich schon dran gewoehnt hat. Danach gehts meistens auf die Krankenstation, wo wie gehabt Patienten aufgenommen werden, Blutdruck, Fieber und Puls gemessen wird und sie dann zu den Fachaerzten geschickt werden. Das alles lassen mich die Krankenschwestern immer haeufiger machen, und anscheinend gibts bis jetzt nichts einzuwenden Manchmal, in Ausnahmefaellen, kommen ein paar der Doktoren vorbei, die Hilfe beim Faedenziehen oder beim Saeubern der Wunden brauchen und wir dann dort zur Hand gehen koennen. Oder man schlendert einfach mal mit dem Radiologen durch die Gassen von Tarabuco, um die Hinterhoefe der Baeckereien abzuklappern, Fotos von der Hygiene zu machen und nachher im Krankenhaus auszuwerten. Sein Kommentar: Muy bien, todo está muy bien (Sehr gut, alles ist sehr gut.). Mag man drueber streiten, aber wir sind ja in Bolivien!

So wird hier Brot gebacken.

Dr. Natalie, Dr. Benny, Dr. Jonas mit zwei cubanischen Auszubildenden ;)

Auf Visite in der Kinderstation

Kurz vor der geplanten Endoskopie, die dann leider ausfallen musste, weil die Patientin sich weigerte, ihren Magen untersuchen zu lassen... schade!

Sonst gibt es nicht viel zu tun im Krankenhaus, da selbst die Aerzte ab halb 11 ihre Handys zuecken und Musik hoeren oder einfach Fernsehn gucken. Das liegt auch daran, dass vor kurzen um die 18 Studenten aus Kuba gekommen sind, um hier ihr praktisches Jahr zu machen. Mehr Personal als Patienten, weshalb wir (Benny, Julia und ich) uns dazu entschieden haben, nur vormittags in die Kittel zu schluepfen.

Restaurant und sonstiges:
Gegen 12 Uhr geht es dann schnell ins Hostel, wo der Mittagsstress beginnt. Wir haben naemlich ein angegliedertes Restaurant, wo wir gringos (so nennen uns die einheimischen) mithelfen muessen, damit alle ihr Essen bekommen und zufrieden sind. Ich hab da den besten Job erwischt: vorne an der Kasse sitzen und das Finanzielle erledigen. Bestens! Meistens ist das auch ziemlich lustig, weil die Kueche nicht mit dem Essen hinterher kommt und es ein heilloses Chaos gibt, wenn Thea und Julia fuenf mal ein Gericht bestellen und nach 20 minuten was Falsches aus der Durchreiche kommt. Es ist schon passiert, dass Gaeste nach der Suppe aus Protest aufgestanden und gegangen sind, weil sie so lange auf ihr Essen gewartet haben. Daran muss noch gefeilt werden, aber unsere Hostelmutter Marlene laesst sich nicht gerne helfen!
Nachmittags wird es einem normalerweise auch nicht langweilig. Wenn wir nicht gerade dabei sind, das Restaurant in blau, gelb, grün und rot zu streichen (Kommentar von Marlene: ¡Muy feo es! (Das sieht aber haesslich aus!)) helfen wir Alberto, dem Hostelchef beim Umraeumen von Betten, an der Rezeption bei der Gaesteaufnahme und bei sonstigen anfallenden Arbeiten. Oder versuchen Estibén, den kleinen 1 jaehrigen Sohn von Marlene und Alberto davon abzuhalten, die ganze Blumenerde wegzuessen.
Vorher
nachher (Thea und Julia)

Events und Highlights:
Und dann gibts da noch unsere ins Leben gerufenen Projekte: Wir haben einen Spieleraum und ein Kino mit Beamer eingerichtet. Im ¨Salón de Juguetes¨ gibts neben Maltisch mit Wassermalfarben und Schachspielen sogar einen Kicker und einen kleinen Billardtisch. Jeden Dienstag und Donnerstag kommen immer um die 15-20 Kids, die unheimlich viel Spass daran haben, mit uns Uno zu spielen, gegen uns im Kicker anzutreten oder Schach spielen zu lernen und Monopoli zu zocken. Meistens muessen wir sie abends immer rauswerfen, sonst wuerden sie die ganze nacht weiter machen So gut kommt das Kino leider nicht an. Montags gegen fuenf zeigen wir einen Film (bis jetzt: In 80 Tagen um die Welt, Der Prinz von Aegypten und ein Koenigreich fuer ein Lama). Um die 6 Jugendlichen haben wir dann unten im eigenen Kinoraum sitzen, wobei es letzten Montag nur einer war und Thea und Julia wohl mehr Spass an dem Film hatten als er. Da muessen wir uns noch ein paar Gedanken machen, wie wir das Kino attraktiver gestalten koennen, vielleicht mit Milchshakes oder Popcorn? Mal sehen. Geplant ist auch noch ein Kochkurs. Neulich haben Frauen aus dem Dorf bei uns angefragt, ob es nicht moeglich sei, die deutsche Kueche mal kennen zu lernen. Klar, Rezepte von Mama und Caro hab ich zugeschickt bekommen, es kann los gehen.




Schule:
Mittwochs habe ich eine Englischklasse von Thea uebernommen: 5ºB, gleichalt wie die deutschen fuenfer. Ihnen versuche ich im moment Begruessungen wie ¨Hello¨, ¨Good afternoon¨ etc. und Fragen und Antworten wie ¨What´s your name?¨oder ¨I am from Tarabuco¨ beizubringen. Das ist zwischendurch echt schwierig, weil die Klassen hier viel groesser als auf der Sonneninsel sind, und 28 Kiddies sehr schwer ruhig zu stellen sind, wenn es nur noch eine viertel stunde ist, bis man nach hause gehen kann. Aber: wenn ich durch die Strassen laufe, dann hoer ich doch ab und zu mal ein leises ¨How are you?¨ oder ein ¨Hello, Jonás¨. Langsam, aber es wird! Zusaetzlich zu der Grundschule haben Thea und ich in der Abendschule angefragt, ob man dort schon Englisch anbieten wuerde. Sofort sind wir begeistert aufgenommen worden, weil es bisher keinen Englischlehrer gab und teilen uns nun die Klassen. Ich hab mittwochs und donnerstags von 18.30 bis 19.30 Uhr Unterricht. Das macht super viel Spass, weil die Schueler schon aelter sind und wirklich lernen wollen. Und es ist einfacher voranzukommen, sogar mit ¨to be¨ konnten wir schon anfangen, weil sie gemerkt haben, dass diese Sprache wohl nicht schaden kann.

Freizeit:
Die Wochenenden verbringen wir meistens in Sucre, wo wir ausgiebig duschen koennen und auch wieder Internetzugang haben. Denn: in ganz Tarabuco, ca. 5000 einwohner, gibt es nur im Rathaus ab und zu Internet! Die Wassersituation hier hat sich verbessert, weil es die letzten wochen immer mal wieder ziemlich heftig geregnet hat und jetzt alle tanks und zisternen randvoll sind. Duschen ist moeglich, wir wollen es aber nicht uebertreiben, damit wir immernoch aussreichend Wasser zum Haende und Gesichtwaschen haben. Letzte Woche ist Alberto auf die Idee gekommen, doch mal den Mann zu kontaktieren, der das Hostel gebaut hat, und zu fragen, ob er sich mit den Wasseranschluessen auskennt. Und prompt gibt es auch wieder Wasser in den Tanks, die bisher 1 ½ Jahre leer waren, von der Wasserversorgung Tarabucos, die es anscheinend doch gibt, nur keiner davon wusste... Trotzdem bekommen wir einmal die Woche drei Tonnen frisches sauberes Trinkwasser aus Sucre geliefert, mit dem gekocht wird, das andere Wasser ist zum abwaschen, fuer die Toiletten und zum duschen da.
Feiertechnisch wirds hier nicht langweilig, weil es immer irgendwas gibt, was es wert ist gefeiert zu werden. Ob in Sucre die Einweihung der neuen Wohnung ein paar Freiwilliger, Geburtstage, fuer die man die anderen Freiwilligen in den umliegenden Doerfern wie Alcalá besucht oder einfach das Ende der Woche, irgendwie findet man immer was.
Im moment bereiten wir uns alle auf die Karnevalszeit vor. Zu einer grossen gruppe von 20-25 voluntarios fahren wir nach oruro, wo der groesste karneval nach rio gefeiert wird. Drei Tage und zwei Naechte in einem gemieteten Haus ohne Betten sind geplant. Das ist guenstiger, und wer weiss wie viel Schlaf wir ueberhaupt bekommen... aber hier in Suedamerika verkleidet man sich als Zuschauer nicht. Das ist den Taenzern und Darstellern in den Zuegen vorbehalten – schade. und am dritten Wochenende im Maerz findet in Tarabuco das grosse Pujllay-Fest statt, mit Umzuegen und Paraden. Also: der Maerz hats in sich!

Ich wuensche euch allen eine ausgelassene, (feucht-)froehliche Karnevalszeit und super Stimmung im Wipperfuerther Zelt und auf den Zuegen. Tinkt einen fuer mich mit. Ich glaube, die Hoehner werde ich dieses Jahr vermissen, obwohl wir auf die Idee gekommen sind, ein bisschen deutsche Kultur auch mal nach oruro bringen zu koennen mal sehen.
Qué les vaya bien,
Johnny

Ps: Kleine Geschichte zum Schluss (kein Witz):
Boliviens Staatspraesident Evo Morales hat die Existenz der Homosexualitaet ergruendet. Er klaerte auf, dass das Haehnchenfleisch aus industrieller Haltung zu viele weibliche Hormone beinhalte und deshalb bei Maennern zu Identitaetsstoerungen fuehre.
Also Jungs, lasst die Finger weg von sowas und esst stattdessen frische Landhuehnchen!

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