Samstag, 9. Oktober 2010

Endlich angekommen!

Nachdem wir seit unserer Ankunft in Bolivien fast nur aus unseren Rucksäcken und Taschen gelebt und immer nur vorübergehend Station gemacht haben, sind wir am 29.09. endlich auf der Isla del Sol angekommen. Nach zweistündiger Bootsfahrt von Copacabana nach Challa, unserem Einsatzdorf mit ungefähr 1200 Einwohnern, trafen Benjamin und ich zum ersten Mal auf die zwei anderen Freiwilligen Miriam und Martin, die schon seit 2 Monaten auf der Insel wohnen und arbeiten. Das Hostal ‚Playa del Inca‘, in dem wir wohnen, liegt mitten in einer kleinen Bucht mit Sandstrand und Blick auf den See, der am Horizont von den Anden begrenzt wird. Ich wohne zusammen mit Miriam in einem Zimmer in der ersten Etage mit bestem Blick auf den See und den Strand. Fast wie Urlaub. Ich durfte direkt meine handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis stellen und ein Regal bauen, damit ich meine Sachen auch aus dem Rucksack auspacken konnte. Ein kleiner Schrank reicht halt nicht für zwei. Danach natürlich erstmal in den eiskalten Titicacasee springen– herrlich:) Das Hostal besteht aus drei Häusern: eins mit sechs Zimmern á 2 Betten, Küchenhaus und Esszimmer. Wir vier kochen jeden Tag zusammen mit Sol, Nelson und der kleinen Cielo (unserer Cheffamilie), notfalls auch für Gäste, die hier allerdings nicht regelmäßig Halt machen. Das Abspülen gehört dann natürlich genauso zum Tagesablauf wie das Waschen unserer Wäsche per Hand im open-air Waschbecken auf dem großen Grundstück. Den Luxus Waschmaschine, Trockner oder Bügeleisen kennt man hier nicht;) Zum Glück verstehen wir uns super und sind zu einem guten Team geworden. Zu unserer Truppe gehören außerdem die Katze Chaco, die wir gerne auch Wolfgang nennen, der Hund Negra und Klothilde das Huhn, bei dem wir immer noch auf die ersten Eier warten…



Hostal vom Steg aus: links oben unser Zimmer, rechts Kueche und Comedor



Nachbarbucht





Miriam, ich, Benny im Lago Titicaca

Zusammen mit Miriam und Martin ging der nächste Tag mit unserem ersten Schulgang los: mit den kleinsten Kindern aus dem Kindergarten Zähne putzen, da sich viele Familien keine Zahnbürsten leisten können und die Zähne dementsprechend aussehen. Die Kids sind super drauf und total herzlich: wir wurden direkt von allen umarmt, geknuddelt und bestaunt. Wir sind hier fast eine Attraktion. Vorgestern zum Beispiel saß ich neben einem kleinen Jungen, der plötzlich ganz fasziniert und völlig beeindruckt meine Armbehaarung streichelte und sich kaum davon abbringen ließ - Die Bolivianer haben weder Bein- noch Armbehaarung, die hier als Zeichen von Reichtum gilt. Nach der Pause gings dann zum Abiturjahrgang: Die Großen haben meistens keine Lust Englisch zu lernen, kommen mindestens 20 Minuten zu spät zum Unterricht und versuchen uns aus der Reserve zu locken. Zum Beispiel fragt einer, ob er mal kurz auf die Toilette gehen kann und auf einmal läuft die gesamte Klasse raus und spielt Fußball. Mir ist das zum Glück noch nicht passiert, mal abwarten…
Im Moment machen Benny und ich den Sportunterricht für die Klassen 2 bis 8, der hier fast nur aus Fußball besteht. Wir haben das gemeinsame Aufwärmen und das Spielen von Laufspielen zum Schluss eingeführt. Das macht echt viel Spaß und mit Sport kann man ja bekanntlich am besten das Eis brechen, da uns am Anfang doch viele misstrauisch gegenüber standen und nicht mit uns reden wollten. Inzwischen winken uns aber fast alle zu und grinsen verschmitzt, wenn sie morgens bei uns am Hostal vorbeilaufen, um zur Schule zu kommen. Nächste Woche Montag haben wir uns mit dem Schulleiter verabredet, mit dem wir dann unseren richtigen Stundenplan besprechen und dann auch noch ein paar andere Fächer geben können.
Obwohl wir noch nicht lange hier sind, haben wir uns dann am Wochenende wieder ein paar Tage Auszeit in La Paz gegönnt und sind die Death Road runtergepest. Mit Mountainbikes ging es vom schneebedeckten Berggipfel fast vier Stunden über Schotterpisten bergab in den Dschungel. Vorbei an riesigen Farnen, mit Efeu bewachsenen Sträuchern, Palmen, Bananen- und Papayabäumen, Wasserfällen und durch Flüsse. Eine Schlucht hinter der nächsten, hunderte Meter tiefe Abhänge und gigantische Felswände. Die Natur hier ist gewaltig und man bekommt Gänsehaut, wenn man soweit das Auge reicht nur Urwald sieht, der sich über zig Berge zieht und sich durch das Tal ein großer Fluss schlängelt. Zusätzlich war es ein bisschen nebelig, aber das hat dem Ganzen noch mehr Exotik verliehen.


Martin, Miriam, ich, Benny zur Halbzeit im Dschungel

Jonas mit Fahrrad unter einem ‚Wasserfall‘

Natur pur

Unsere wagemutige Truppe auf dem ‚Balkon‘


Hier auf der Insel lernt man sowieso sehr viele Dinge zu schätzen. Es gibt keine Autos, zum Internet muss man anderthalb Stunden bergauf laufen und Handys finden kein Netz. Komischerweise wird einem trotzdem nicht langweilig: der See ist Spaß pur, wir spielen viel und werden nach der Schule oft als billige Arbeitskräfte von Nelson missbraucht. So mussten wir schon ein Kompostloch ausbuddeln, was bei dem steinigen Boden sehr ätzend werden kann, im Nachbardorf Erde ausstechen und mit der Fähre nach Challa transportieren, damit in dem neu angelegten Beet auch Blumen wachsen können. Und dann hieß es noch den neuen Nachbarn beim Hausbau zu helfen: Türen, Fliesen, Toiletten, Holzdielen und andere schwere Dinge von der Fähre zum Haus schleppen. Aber: Das hält fit und wir werden als Schränke nach Deutschland zurückkommen:)
Im Nachhinein bin ich doch froh hier auf der Insel zu sein und freue mich auf die nächsten anderthalb Monate, auf die Arbeit in der Schule und auf die Erfahrungen, die wir machen werden!
Bis dahin, viele bolivianische Grüße, hasta luego,
Johnny

1 Kommentar:

  1. hola altes haus,
    ich finde es wirklich spannend wie abgeschnitten von der umwelt du doch bist. das ist wirklich mal eine ganz andere erfahrung und es freut mich zu hoeren, dass es dir ja anscheinend auch ganz gut geht. ich wuensche dir noch viel spass beim moebelschleppen.
    besito kathi

    p.s. ich bin ja mal gespannt ob du als schrank nach hause kommst und ich mich dann komplett hinter dir verstecken kann ;)

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